Den Fachkräftemangel im Tourismus bewältigen

Sylvia Unterkofler

Personal gesucht! Dieser Ruf wird in österreichischen Tourismusbetrieben immer lauter. Warum gerade dort? Verallgemeinert werden vorschnell schlechte Arbeitsbedingungen genannt. Tatsächlich sind Hotellerie- und Gastronomiemärkte rasant am Wachsen. Da gilt es, als mitarbeiterorientierter Arbeitgeber aufzufallen.

Wir kennen sie – die herausragenden Arbeitgeber im Tourismus, die den erfolgreichen Weg einer mitarbeiterorientierten Unternehmenskultur gehen.

Einer dieser Betriebe ist das Aktivhotel Alpendorf in St. Johann. Wir haben mit Hotelierin Sylvia Unterkofler gesprochen. Sie gibt Einblicke in die Herausforderungen und Bedürfnisse der Mitarbeitenden und verrät, wie sie es schaffen, so viele Bewerbungen zu bekommen und den Fachkräftemangel im Tourismus gut bewältigen.

Einblicke und Best Practices vom Aktivhotel Alpendorf

Anna-Maria Mahayni:Was sind die Probleme und Herausforderungen als Arbeitgeber in der Tourismusbranche?

Sylvia Unterkofler: Die größte Herausforderung in der Tourismusbranche ist die hohe Anzahl an offenen Arbeitsstellen. Vor allem in den westlichen und tourismusstarken Ländern wie Salzburg, Tirol und Vorarlberg ist die Konkurrenzsituation sehr groß.

Als zweite Herausforderung sind die Dienstzeiten zu nennen, die sich zu anderen Branchen abheben. Wir haben 7 Tage die Woche, ungefähr 18 Stunden täglich, geöffnet. Klassische Dienstzeiten von Montag bis Freitag können wir nicht anbieten.

Als dritte Herausforderung gilt es die Integration neuer Mitarbeitenden erfolgreich zu bewältigen. Das muss einfach gelingen!

Viele Mitarbeitende ziehen für den Beruf in eine neue Region, was mit großer Unsicherheit einhergehen kann. Diese wollen wir rasch abbauen. Uns ist es eine Herzensangelegenheit, dass sich neue KollegInnen rasch in ihrem neuen Lebensumfeld wohlfühlen. Das gelingt am schnellsten, wenn sie die neue Region kennenlernen.

Neue Mitarbeitende reisen oft schon ein bis zwei Tage vor Arbeitsbeginn an. Sie werden herzlich in Empfang genommen, bekommen ihr Zimmer, ihre Dienstkleidung und eine Mappe mit Informationen zum Betrieb und zur Region.

Das wirklich Besondere ist, dass ganz viel auf persönlicher Ebene passiert. Unser Team setzt sich stark dafür ein, neue Mitarbeitende schnell und gut zu integrieren. Ich möchte ein Beispiel aus unserem Hotel nennen:

 


Best Practices zu „Neue Mitarbeitende integrieren“

Als unsere Barkellnerin neu bei uns zu arbeiten begonnen hat, kannte sie die Region nur aus dem Urlaub. Sie zog aus ihrer Heimat Kiel zu uns und die Umgebung war ihr somit noch sehr fremd. Ihr unmittelbarer Kollege und gleichzeitig Vorgesetzter hat ihr die ersten Tage die Region gezeigt. Auch andere KollegInnen knüpften gleich Kontakt und so konnte unsere Barkellnerin an ihren ersten Tagen schon einmal zum Schifahren mitgehen, einen Krampuslauf mit den neuen Kollegen miterleben. So entstand relativ schnell ein freundschaftliches, vertrautes Verhältnis und ein Wohlfühlen in der neuen Region.


 

Anna-Maria Mahayni:Was wünschen sich Mitarbeitende im Tourismus und wie kann man als Betrieb darauf reagieren und eingehen?

Sylvia Unterkofler: Die Rücksichtnahme auf die persönlichen Interessen der Mitarbeitenden ist sehr wichtig. Mir fällt auf, dass Freizeit den jungen Leuten immer wichtiger wird und dass man als Betrieb auf deren persönlichen Interessen und Hobbys Rücksicht nehmen muss. Das sind oft „Kleinigkeiten“, wie der Wunsch eines Mitarbeiters zu einem Festival frei zu bekommen.

Geregelte Arbeitszeiten sind in der Gastronomie schwer, da Dienstzeiten jeden Tag möglich sind. Daher ist es umso wichtig, auf die Dienstpläne zu schauen und diese einzuhalten und abzuwechseln, sodass Mitarbeitende auch immer wieder am Wochenende oder an Feiertagen freihaben.

Zusätzlich ist uns durch die Great Place to Work® Mitarbeiterbefragung noch einmal stärker bewusst geworden, wie wichtig der Team Zusammenhalt und der Spaß an der Arbeit sind.

Wenn der Teamzusammenhalt nicht gegeben ist, dann ist das tägliche Arbeiten sehr schwer.


Auch wenn die Arbeit keine Freude bereitet, wirkt sich das stark auf das gesamte Team aus. Daraus ergeben sich Streitigkeiten und manchmal sogar Kündigungen seitens Mitarbeitenden. Wichtig ist, dass das Team gut zusammenpasst und harmonisiert. Da unsere Angestellten bei uns im Hotel leben ist Arbeitsort auch Lebensort.

Fehlt der Spaß der Mitarbeitenden an ihrer Arbeit, haben es Betrieb schwer, diese Mitarbeitenden zu halten. Ein großes Dilemma in Zeiten des enormen Fachkräftemangels.

 

Anna-Maria Mahayni: Warum ist eine vertrauensbasierte Unternehmenskultur auch im Tourismus so wichtig?

Sylvia Unterkofler: Das Vertrauen am Arbeitsplatz ist extrem wichtig. Ich vergleiche das mit Verantwortung übergeben. Ohne Vertrauen kann man keine Verantwortung übergeben. Und umgekehrt – wenn ich keine Verantwortungsbereiche an meine Mitarbeitende übergebe, dann habe ich kein Vertrauen in sie, sondern übe Kontrolle aus. Das ist ganz falsch.

Zu Vertrauen und Verantwortung gehört für mich noch ein dritter Faktor, nämlich die Etablierung einer richtigenFehlerkultur.

Betriebe sollten nicht aus jedem Fehler des Mitarbeitenden eine Katastrophe machen. Dann hat der Mitarbeitende keine Freude mehr mit seiner Verantwortung und aus Verantwortung wird schnell Überforderung.


Natürlich ist es als Betrieb wichtig, Rahmenbedingungen vorzugeben. Aber es ist der völlig falsche Ansatz, Mitarbeitende zu delegieren und jeden einzelnen Arbeitsschritt vorzugeben.

Nur durch Vertrauen entstehen kreative und neue Ideen.


Dann gibt es noch das Vertrauen, das der Mitarbeitenden in den Betrieb hat. So kann der Mitarbeitende auch Verantwortung annehmen und weiß, dass Fehler ohne Furcht vor schlimmen Konsequenzen „zugelassen“ sind.

Die richtige Fehlerkultur ist: Fehler zuzulassen und daraus zu lernen.


Anna-Maria Mahayni: 
Was hat sich sein der Auszeichnung als „Österreichs Beste Arbeitgeber“ von Great Place to Work® getan? Welche Veränderungen sind spürbar?

Sylvia Unterkofler: Zwei ganz entscheidende Dinge – ersten das geschärfte Bewusstsein und zweitens die verstärkte Sichtbarkeit als guter Arbeitgeber.

Als Unternehmen tut es total gut, sich die eigene Arbeitsplatzkultur bewusst vor Augen zu führen und sich damit zu beschäftigen, was gut läuft und wo es Verbesserungsbedarf braucht. Gerade in kleinen Firmen, die keine eigene Personalabteilung haben, läuft das meist nebenbei.

Außerdem hat sich durch die Auszeichnung „Österreichs Beste Arbeitgeber 2017“ unsere Sichtbarkeit erhöht. Aufgrund verstärkter medialer Berichterstattung hat sich unser Ruf verbessert und wir sind als attraktiver Arbeitgeber bekannt.

Wir haben seither viele Blindbewerbungen erhalten und mussten keine Annonce mehr schalten. Das war früher anders. Mittlerweile werden wir auch bei den Einheimischen als mitarbeiterorientierter Arbeitgeber wahrgenommen.

Gerade weil die Konkurrenz im Tourismus so stark ist, ist es umso wichtiger mit einem Gütesiegel als ausgezeichneter Arbeitgeber sichtbar zu sein.

 

Anna-Maria Mahayni:  Können Sie Bespiele/ Best Practices Ihrer Unternehmenskultur nennen? Was haben Sie bereits für Ihre Mitarbeitenden umgesetzt? Was wird von den Mitarbeitenden geschätzt?

Sylvia Unterkofler: Ein schönes Beispiel ist das gemeinsame Essen. Früher gab es das in dieser Form nicht. Da saßen zum Beispiel die Zimmermädchen an einem eigenen Tisch, die Servicekräfte an einem andren. Mittlerweile hat sich das durchgemischt. Das ist ein großer Mehrwert für alle und bringt nicht nur mehr Integration untereinander. Vor allem das Verständnis für Probleme und Herausforderungen anderer Tätigkeiten ist gewachsen. Auch die Wertschätzung für die Aufgaben der Zimmermädchen ist gestiegen.

Durch die Mitarbeiterbefragung ist uns bewusst geworden, dass es die kleinen Dinge sind, die unser Personal so schätzt. Ich möchte auch hier ein Beispiel aus dem Alltag erzählen:

 


Best Practice zu „Wertschätzung der Mitarbeitenden“:

Unsere Mitarbeitende bekommen ihre Lohnzettel immer persönlich vom Chef Ewald Unterkofler überreicht. Der Hoteldirektor bedankt sich dabei bei jedem Mitarbeitenden einzeln mit einem persönlichen Händeschütteln. Jeden Monat. Eine Kleinigkeit mit großer Wirkung!


 

Anna-Maria Mahayni: Welche Tipps können Sie Tourismusbetrieben geben um ebenfalls ein guter Arbeitgeber zu werden und zu sein?

Sylvia Unterkofler: Ich kann Betrieben empfehlen, sich auch „zu trauen“ und das ehrliche Feedback der Mitarbeitenden einzuholen und sich mit der eigenen Kulturarbeit auseinander zu setzen.

Fazit: Mit einer mitarbeiterorientierten Unternehmenskultur den Fachkräftemangel im Tourismus bewältigen

Erfolgreiche Arbeitgeber nicht nur im Tourismus, sondern in allen Branchen, haben eines gemeinsam: Sie setzen sich mit Ihrer Unternehmenskultur auseinander und leben eine herausragende Vertrauenskultur. In diesen Betrieben undUnternehmen haben Menschen Spaß und Freude an ihrer Arbeit, denn sie erfahren Respekt und Wertschätzung im täglichen Tun. Der Team Zusammenhalt ist stark und die Mitarbeitende sind stolz auf das, was sie tun.

Zu einer Vertrauenskultur zählen auch die Programme und Maßnahme, die seitens Unternehmen geboten werden. Dabei geht es nicht so sehr um das Was, sondern um das Wie. Nicht immer sind die „großen“ Personalmaßnahmen, die erfolgreichsten. Oft sind es die „kleinen“ Dinge – immer aber die wertschätzenden Maßnahmen – die große Wirkung bei den Mitarbeitenden zeigen. Ein ehrliches und persönliches „Danke für Ihren Einsatz“ am Monatsende vom Chef wirkt motivierend.

Lesen Sie nach, was ausgezeichnete Arbeitgeber für ihre Mitarbeitenden tun. Wir geben im Best Practices Report 2019 Einblicke in insgesamt 73 Best Practices. Lassen Sie sich von den kreativen und innovativen Ansätzen und der Kulturarbeit inspirieren!

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